Immer mehr verdienen immer weniger:
Zur Entwicklung und Struktur des Niedriglohnsektors
Zur Entwicklung und Struktur des Niedriglohnsektors
Warum Deutschland einen gesetzlichen Mindestlohn braucht
Von Thorsten Kalina und Claudia Weinkopf
Während Deutschland lange für seine ausgeglichene Einkommensstruktur bekannt war, ist der Anteil der Niedriglohnbeschäftigung seit Mitte der 1990er Jahre deutlich gestiegen. Dies haben mehrere Studien in den vergangenen Jahren übereinstimmend gezeigt.1 Im Folgenden werden neueste Zahlen zum Niedriglohnbereich vorgestellt. Es wird die quantitative Entwicklung in diesem Bereich zwischen 1995 und 2008 und die Struktur der Betroffenen analysiert. Dabei zeigt sich: Mittlerweile stellen Beschäftigte mit Berufs- oder Hochschulausbildung vier Fünftel aller Beschäftigten im Niedriglohnsektor. Und: Die Durchschnittslöhne in diesem Sektor rutschen immer weiter nach unten. Vor allem die zunehmende Ausdifferenzierung der Löhne nach unten spricht aus Sicht der Autoren dafür, dass es dringend einer verbindlichen Lohnuntergrenze bedarf, um der zunehmenden »Unordnung« im Niedriglohnsektor entgegenzuwirken.
1. Quantitative Entwicklung der Niedriglohnbeschäftigung
Analysen zur Niedriglohnbeschäftigung können mit unterschiedlichen Datensätzen durchgeführt werden. Wir verwenden das sozio-ökonomische Panel (SOEP) des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), das Längsschnittanalysen ermöglicht und z. B. im Vergleich zu Daten der Bundesagentur für Arbeit den Vorteil bietet, dass auch Teilzeitbeschäftigte einbezogen werden können. Die Berechnungen beziehen sich auf alle abhängig Beschäftigten (einschließlich sozialversicherungspflichtiger Teilzeitarbeit und Minijobs). Bestimmte Kategorien von Beschäftigten, für die sich Stundenlöhne nicht sinnvoll berechnen lassen oder für die spezielle Entlohnungsregelungen gelten, wurden aus der Analyse ausgeklammert. Ebenfalls ausgeschlossen wurden Schüler/innen, Studierende und Rentner/innen, weil diese Gruppen üblicherweise nur einer Nebenbeschäftigung nachgehen. Diese Vorgehensweise führt dazu, dass unsere Ergebnisse zum Umfang des Niedriglohnsektors in Deutschland diesen eher unter- als überschätzen.
Lesen Sie ausführlich in Soziale Sicherheit 6-7/2010, S. 205ff.
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